Stand der Technik neu definiert: Was die EPA-Entscheidung G 1‍/‍23 für die Praxis bedeutet

Die Gro­ße Beschwer­de­kam­mer des EPA hat mit G 1‍/‍23 eine wich­ti­ge Wei­chen­stel­lung vor­ge­nom­men: Öffent­lich zugäng­li­che Pro­duk­te gel­ten als Stand der Tech­nik, auch wenn sie nicht voll­stän­dig ana­ly­siert oder repro­du­ziert wer­den konn­ten. Eini­ge wich­ti­ge Aus­wir­kun­gen für die Pra­xis:

Das Wich­tigs­te in Kür­ze

Die Ent­schei­dung G 1‍/‍23 vom 2. Juli 2025 bringt Klar­heit dar­über, wie die Ver­öf­fent­li­chung kom­ple­xer Pro­duk­te im euro­päi­schen Patent­recht behan­delt wird. Die Gro­ße Beschwer­de­kam­mer hat ent­schie­den, dass ein öffent­lich zugäng­li­ches Pro­dukt zum Stand der Tech­nik gehört – unab­hän­gig davon, ob sei­ne genaue Zusam­men­set­zung oder Her­stel­lung für Drit­te nach­voll­zieh­bar ist:

I. Ein Pro­dukt, das vor dem Anmel­de­tag einer euro­päi­schen Patent­an­mel­dung auf den Markt gebracht wur­de, kann nicht allein aus dem Stand der Tech­nik im Sin­ne von Arti­kel 54(2) EPÜ aus­ge­schlos­sen wer­den, weil sei­ne Zusam­men­set­zung oder inter­ne Struk­tur vor die­sem Datum nicht vom Fach­mann ana­ly­siert und repro­du­ziert wer­den konn­te.

II. Tech­ni­sche Infor­ma­tio­nen über ein sol­ches Pro­dukt, die der Öffent­lich­keit vor dem Anmel­de­tag zugäng­lich gemacht wur­den, gehö­ren zum Stand der Tech­nik im Sin­ne von Arti­kel 54(2) EPÜ, unab­hän­gig davon, ob der Fach­mann das Pro­dukt sowie des­sen Zusam­men­set­zung oder inter­ne Struk­tur vor die­sem Datum ana­ly­sie­ren und repro­du­zie­ren konn­te.

(Leit­satz der G 1‍/‍23, maschi­nell über­setzt, für die Ori­gi­nal-Ent­schei­dung sie­he: Ent­schei­dungs­text)

Lan­ge war es umstrit­ten, ob ein Pro­dukt zum Stand der Tech­nik gehört, wenn es zwar öffent­lich zugäng­lich ist, aber sei­ne inne­re Struk­tur nicht ohne wei­te­res ana­ly­siert oder repro­du­ziert wer­den kann.

Mit G 1‍/‍23 gibt die Gro­ße Beschwer­de­kam­mer eine ein­deu­ti­ge Ant­wort: Das Pro­dukt gehört defi­ni­tiv zum Stand der Tech­nik, auch wenn es nicht voll­stän­dig repro­du­zier­bar oder ana­ly­sier­bar ist. Bereits das wie­der­hol­te Bezie­hen eines unver­än­der­ten Pro­dukts vom Markt kann dem­nach als eine Form der “Repro­duk­ti­on” ange­se­hen wer­den. Ent­schei­den­der ist daher die öffent­li­che Zugäng­lich­keit, nicht mehr die tech­ni­sche Repro­du­zier­bar­keit.

Was ändert sich in der Pra­xis?

Die­se Ent­schei­dung wird spür­ba­re Aus­wir­kun­gen auf ver­schie­de­ne Berei­che der Patent­pra­xis haben.

Um den spä­te­ren Schutz eines Pro­duk­tes durch ein Patent nicht zu gefähr­den, soll­ten Unter­neh­men bei der öffent­li­chen Tes­tung oder Demons­tra­ti­on von Pro­duk­ten noch vor­sich­ti­ger wer­den. Auch unvoll­stän­dig ana­ly­sier­ba­re Pro­to­ty­pen kön­nen neu­heits­schäd­lich sein.

Auch hat die Ent­schei­dung Bedeu­tung für Ein­spruchs­ver­fah­ren, da sich neue Argu­men­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten eröff­nen.

Neue Her­aus­for­de­run­gen für moder­ne Tech­no­lo­gien

Beson­de­re Rele­vanz kann sich auch für moder­ne Tech­no­lo­gie­be­rei­che wie Soft­ware und Künst­li­che Intel­li­genz erge­ben. Gera­de hier fühl­ten sich Anmel­der bis­lang sicher, wenn der Quell­text nicht offen­ge­legt oder ein “Rever­se-Engi­nee­ring” nicht mög­lich war.

Zwar bezieht sich die G 1‍/‍23 nicht aus­drück­lich auf die­se Tech­no­lo­gie­be­reich, den­noch soll­te die Ent­schei­dung für stra­te­gi­sche Über­le­gun­gen nicht außer Acht gelas­sen wer­den. Selbst bei Bina­ry-Code oder ledig­lich über APIs zugäng­li­che Pro­gram­me könn­te eine Anwen­dung der neu­en Ent­schei­dung pro­ble­ma­tisch wer­den, falls die­se dann als Stand der Tech­nik gel­ten, auch wenn der Quell­code nicht offen­ge­legt ist.

Auch für KI-Sys­te­me sind eben­falls weit­rei­chen­de Fol­gen denk­bar. Pro­prie­tä­re KI-Model­le, die als Black Box zu Demons­tra­ti­ons­zwe­cken oder über Cloud-Ser­vices zugäng­lich sind, könn­ten patent­recht­lich rele­vant wer­den – unab­hän­gig davon, ob Ein­bli­cke in die Archi­tek­tur oder Trai­nings­me­tho­den mög­lich sind.

Dies stellt Unter­neh­men vor neue stra­te­gi­sche Über­le­gun­gen beim Timing von Pro­dukt­ver­öf­fent­li­chun­gen und Patent­an­mel­dun­gen.

G 1‍/‍23 ver­ein­facht die Rechts­la­ge erheb­lich und bringt mehr Rechts­si­cher­heit in die Beur­tei­lung kom­ple­xer Pro­duk­te. Gleich­zei­tig bringt sie neue stra­te­gi­sche Mög­lich­kei­ten als auch erhöh­te Sorg­falts­pflich­ten.

**Update**

Am Don­ners­tag, 30.10.2025, 13:00 – 17:00 Uhr fin­det das Online-Web­i­nar “YIN und YANG des Patent­rechts”, in dem Patent­an­wäl­tin Dr. Anna Katha­ri­na Hei­de der ambi­de­xIP und Patent­an­walt Sebas­ti­an Goe­bel unse­rer Kanz­lei Bös­herz Goe­bel Patent­an­wäl­te u.a. die G 1‍/‍23 – aber auch vie­le wei­te­re Ent­schei­dun­gen mit KI und Bio­tech-Bezug – dis­ku­tie­ren wer­den. Getreu dem Mot­to: “Was Bio­tech und KI von­ein­an­der ler­nen kön­nen”. Mehr erfah­ren Sie hier: Mehr erfah­ren Sie hier!

Ansprech­partner

Nico Ostermann-Myrau
Patentingenieur
Sebastian Goebel
Partner
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